Zeitungsarchiv

Die Veröffentlichung von tabu-zeitung als Datei ist eingeschränkt worden. Einige der Autoren möchten nicht mehr genannt und erkannt werden. Das finde ich schade, auch im Sinne eines therapeutischen Prozesses. Aber es gehört respektiert gerade bei den Themen, um die es hier geht. Der Wunsch nach Anonymität ist uns von daher Verpflichtung.

Die beiden Muster - Ausgaben können dennoch vorbehaltlos als Datei geöffnet und als Download geladen werden. Gegen das Kopieren und die Verbreitung der Zeitung haben wir keinen Einwand.


1- 2007 1-2009


Einzelne, ausgewählte Artikel der oben angegebenen Ausgaben erscheinen hier:

Mein erstes Mal - Steffen S.

Drogenkonsum in der TWG - Marco F.

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Stunde Null - E. D.


Im Juni 2005 hat für mich die Stunde Null geschlagen. In den Jahren davor habe ich zielstrebig alles meinem Alkoholkonsum geopfert. Ja alles, Hobbys, Geld, Kumpels, Familie und zuletzt auch eigene Gesundheit. Zum Zeitpunkt der bisher letzten Entgiftung war ich obdachlos und mittellos. Die starken Entzugssyndrome (Krämpfe, Zittern, Nervosität, Halluzinationen und einige andere unangenehme Begleiterscheinungen) haben mich gezwungen ins Krankenhaus zu gehen.
Nach dem ich wieder klar denken konnte, stand einiges fest. Dieses Mal war der Wille da, alles anders zu machen. Dieses Mal wollte ich es für mich tun und nicht für meine Familie. Mir war klar, ich muss nicht das Saufen beseitigen, sondern die Gründe für das Saufen. Ich musste mein Verhalten verändern. Noch im Kranken- haus habe ich mit Psychotherapie begonnen. Zum ersten Mal konnte ich mich dem Psychologen öffnen und habe erkannt: ich habe getrunken um Ängste zu unter- drücken und dadurch die Auseinandersetzung mit den Alltagproblemen gemieden.
Nun musste ich mich auch um einen Unterkunft sorgen. Eigene Wohnung wollte ich nicht nehmen, da war mir der Gefahr des erneuten Rückfalls zu groß. Ich habe mich für die TWG der Bürgerhilfe entschieden.

Im September 2005 konnte ich da einziehen. Die therapeutische Begleitung und, im ersten Monat, regelmäßiges Pusten haben mir über die „Eingewöhnungsphase“ geholfen. Parallel habe ich die Psychotherapie fortgesetzt. Nebenbei habe ich den Kontakt zur meinen Saufkumpanen unterbrochen und allen, zu denen ich noch Kontakt haben wollte, Bescheid gesagt, was mit mir los ist. Dabei habe ich in erster Zeit noch versucht zu erklären was für Krankheit ich habe. Nun, ich habe schnell gemerkt dass es keinen besonders interessiert. Hauptsache ich bin trocken. Heute akzeptiere ich das, damals hat es mich geärgert, keiner hat sich jemals erkundigt, was ich so alles tuhe, um trocken zu bleiben. Parallel habe ich mir eine Selbsthilfegruppe „VAL e.V.“ ausgesucht.
Ab Mai 2006 habe ich eine MAE-Maßnahme bei „Albatros e.V.“ angefangen. Ich wurde als Bürohilfskraft eingesetzt. Ich sollte mir überlegen, was ich nach dem Abschluss der Maßnahme beruflich machen will, nun so genau weiß ich das auch heute nicht. Im November 2006 kam das erste Tief in meinem neuen Leben. Bis dahin war für mich Trockenheit als einziges Ziel festgesetzt. Nun war ich mittlerweile 18 Monate trocken aber so richtig zufrieden war ich nicht. Mir fehlte die Motivation wofür ich das alles mache. Nach ein paar Monaten und drei Panikattacken (bis zur Selbstmordgedanken) wurde mir klar: einfach das Saufen aufgeben reicht nicht, es ist notwendig etwas zu finden, was annährend so viel Spaß macht wie das Saufen. Nun, ich habe mich für Yoga und Kraftsport entschieden.
Nach zwei Jahren war es an der Zeit die TWG zu verlassen. Ich habe mir eine Wohnung gesucht und seit Oktober 2007 wohne ich alleine. Nun, nicht völlig alleine: ich habe mich für betreutes Einzelwohnen entschieden. Seit November 2007 habe ich befristeten Arbeitsvertrag bei „Albatros e.V.“ (ÖBS). Meine Arbeit besteht darin den Arbeitsuchenden zu helfen (Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen, Jobrecherche im Internet etc.) und diverse Büroarbeiten zu erledigen.

Mittlerweile sind 31 Monaten seit Stunde „Null“ vergangen. Ich habe einen Schnitt gemacht und erkannt: in diesen 31 Monaten habe ich mehr erreicht, als in vielen Jahren davor. Ich habe vieles über mich selbst erfahren, meine Ängste verstanden und bin mittlerweile dabei mich so zu akzeptieren wie ich bin, mit allen meinen Schwächen und Stärken. Parallel habe ich mein Wissen um die Alkoholkrankheit erweitert. Ich wollte nicht nur trocken sein, ich wollte auch verstehen, was mit mir los ist, was sich bei mir im Kopf abspielt, wie es zum einen Rückfall kommt. Auch wenn ich mal wieder „Saufdruck“ habe bin ich nicht völlig alleine da. Es ist eine Stimme (ich nenne es Gewissen), die mir seit ein paar Monaten zur Seite steht und mir hilft den Saufdruck zu hinterfragen, Ursachen und Lösungsansätze zu suchen und Gegenargumente gegen das Saufen hervorbringt. Meine Erfahrung: es lohnt sich trocken zu leben!!! E.D. (möchte namentlich nicht genannt werden) 1/2008


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"Mein erstes Mal" - zu Gast in einer Suppenküche Steffen Seidel

Mein „erstes Mal“ - Der Titel wird bei den Lesern jetzt viele Fragen oder sogar Erwartungen wecken, aber ick kann Sie beruhigen, es handelt sich hierbei keineswegs um einen weiteren "Schulmädchenreport" oder ähnlichem. Nein, ganz und gar nicht. Er handelt sich dabei um ein sogenanntes Tabuthema. Es geht um Suppenküchen. Warum Tabuthema werden Sie jetzt fragen und ich kann da ja auch nur für mich sprechen. Als mein Kumpel mich darauf ansprach, ob wir nicht zu diesem Thema etwas schreiben wollen, sagte ich spontan ja. Da ich aber unter sozialistischen Rahmenbedingungen aufgewachsen bin (Jahrgang 67) und so etwas damals wie auch heute noch kein Thema für mich war, war ich gespannt, was mich erwarten würde. Vorstellungen direkt hatte ich keine. In der Schule hatte ich gelernt, Suppenküchen wären Auswirkungen des imperialistischen Kapitalismus, wo es Bettler und Obdachlose gibt. Also wusste ich zwar, dass es so etwas gibt, aber weil ich noch nie Hunger leiden oder betteln musste oder obdachlos war, hat's mich auch nicht weiter interessiert. Ich weiß es geht vielen Menschen ähnlich. Also machten wir uns auf den Weg zur ersten Suppenküche einem Franziskanerkloster in der Wollankstraße (Pankow). Je näher wir kamen, um so flauer wurde es mir in der Magengegend. Ob es nun die Angst war mit der Armut oder dem sozialen Elend konfrontiert zu werden, oder nur die Angst vor dem Ungewissen. Vielleicht war es Scham, weil ich genug zu essen habe und "noch" nicht hierher gehöre oder gar als Zaungaffer gesehen zu werden. Also gingen wir dort hin und alles was ich irgendwie zu erwarten glaubte, entsprach diesem Bild keineswegs. Dort waren Leute wie Du und ich, die aber auch nicht zum Spaß da waren. Nein Sie hatten Hunger. Vom 3-jährigen bis hin zum 70-Jährigen war alles dort.
Dem Aussehen nach - wie schon erwähnt - ganz normale Leute, viele von ihnen Hartz IV Empfänger, aber auch Rentner. Die sozialen Randgruppen unserer Gesellschaft. Ich dachte z. B. auch, da steht irgendwo 'ne Gulaschkanone , wo man das Essen in irgendein Napf bekommt. Ganz eben wie bei der Armee. Aber weit gefehlt, es war ein sauberer und gepflegter Speiseraum mit Platz für ca. 150 Menschen und der war auch fast voll. Es gab eine ganz normale Essensausgabe, wo sich jeder anstellen konnte. Alles ging auch ohne Gedrängel und Geschubse ab. Ich war überwältigt vom dem, weil es ganz und gar nicht dem entsprach, was ich vermutete. Wird Ihnen liebe Leser sicher ähnlich gehen oder? Es kam mir vor, wie bei einem großen Familientreffen und viele kannten sich und man sprach über Gott und die Welt und Kinder rannten zwischen den Bänken umher.
Steffen Seidel, 9/2007

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Drogenkonsum in der TWG - Marco F.

Tja, wie soll ich sagen, das Kiffen fing irgendwann im letzten Winter wieder an! Und schon nach einer Weile, es war schon wieder warm draußen, war es für mich außer Kontrolle. Ich möchte nur damit sagen, es ist schwer mit dem Kiffen aufzuhören. Man holt sich sobald man Geld hat was zu Rauchen, selbstverständlich wie was zu essen und Tabak. Hier in der TWG ist es noch schwerer für mich aufzuhören. Ich weiß nicht warum. Es klappt ja auch tagsüber nicht zu Rauchen, aber dann abends zum schlafen und,um zum entspannen, kommt die Sucht wieder durch.

Na ja aktuell, ist es noch nicht lange, dass ich nicht mehr rauche, aber ob und wann ich damit wieder rückfällig werde, weiß ich nicht, da es für mich noch schwerer ist, als mit dem Alkohol! Und das ist kein Witz. Man denkt ja beim Kiffen, dass man nach einer Weile wieder eine Rauchen könnte, aber das ist der größte Irrtum. Kaum hat man einmal dran gezogen und schon ist man wieder da, wo man vorher war! Das ist anders als beim Alkohol. Da trinke ich, bis ich nicht mehr kann. Aber auch das ist auch ein Irrtum, wenn ich mal angefangen habe, höre ich damit auch nicht mehr so schnell auf. Nur dass der Suff einen schneller in den Abgrund bringt. Also besser die Finger davon lassen! Das ist auch so mit dem Kiffen nur eben langsamer. Langsam macht man seinen Körper kaputt. Das geht über die Jahre und dann wie aus dem nichts hat man ein großes Problem, so wie bei mir mit der Psychose. Und ohne Spruch, ich merk es an mir sehr klar und deutlich, jetzt muss ich starke Medikamente nehmen, z. B. gegen nächtliche Krämpfe, etc.

Ich meine bis man so wegknickt, das dauert eben sehr lange. Ich habe insgesamt 21 Jahre gekifft, nun habe ich das Echo bekommen! Der Alkohol macht das ein wenig schneller, bis man nicht mehr kann und am Ende ist. Dann kommt der Punkt, den man sich besser selbst setzt, jetzt ist Schluss mit allem! Zumal, wenn man wie ich schon in einer abstinenten TWG ist. Wenn ich hier Scheiß gemacht habe und mir selbst sage, so geht es nicht weiter, dann muss es auch wirklich mal klick machen im Kopf, sonst bringt das hier nichts. Aber selbst das dauert, gegen den Rückfall bin ich bei all meinen guten Vorsätzen nicht wirklich gefeit. Aber ich habe mich entschieden, auf das Schöne, ohne Drogen und Alkohol nicht zu verzichten, sondern aus mein Leben noch was zu machen. Klar dazu brauche ich Hilfe, zur Zeit die der TWG, später andere, weil ich es alleine nicht schaffe, aber trotzdem, DAS LEBEN KANN AUCH WAS WUNDERBARES SEIN! 
Marco F.  6/2007

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