Artikel der tabu-zeitung

An dieser Stelle erscheinen ausgewählte Artikel der Zeitungsausgabe.

Martin Hagel
Psychose und Sucht

Manfred Reher
Komtemplation und Handauflegen

E.D.
Nach der Therapie: Ein Interview mit der tabu-zeitung

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Psychose und Sucht  von Martin Hagel

Wenn jemand suchtkrank ist, so hat er ein starkes Handicap. Und wenn dazu noch eine Psychose kommt, dann ist es noch viel schlimmer. Die Hauptfrage ist, ob die Psychose drogenindiziert ist, oder ob die Psychose schon vorher da war und die Droge, oder Alkohol, als Linderung dient. Das letztere würde bedeuten, wenn man die Psychose gelindert hat, dann besteht auch kein so großes Bedürfnis zu konsumieren. Menschen, die eine Psychose hatten, müssen meistens sehr wirkungsvolle Medikamente nehmen. Das bedeutet, dass sie auch nicht trinken oder Drogen nehmen dürfen, denn es kann zu starken Wechselwirkungen kommen. Weiterhin bedeutet das, dass man nach einem Rückfall auf jeden Fall ins Krankenhaus muss – um die Tabletten neu einzuschleichen. Das ist in so fern sowieso nötig bei Patienten, wo der Stoff der Auslöser der Psychose ist. Ich persönlich habe eine Psychose und ich bin suchtkrank. Durch die Psychoedukation weiß ich sehr genau Bescheid, wenn ich wieder psychotisch werde. Zum einen kann es kommen, dass ich die Tabletten nicht nehme und anstatt dessen trinke. Das bedeutet auf jeden Fall, dass ich in diesem Fall so schnell wie möglich in ärztliche Behandlung gehen muss. Meistens ist ein Vorwarnzeichen der schlechte Schlaf.

 Oft schon habe ich aus diesem Grunde zum Alkohol gegriffen – besonders, als ich noch alleine gewohnt habe. Das Hauptproblem in diesem Falle ist, dass ich dann meistens die Tabletten weiter nehme – um einen besonderen Kick zu haben. Im Moment geht es mir sehr gut. Das liegt daran, dass ich Tabletten bekomme, die schlafantreibend sind. Mein Hauptgrund beim trinken war vorwiegend Schlaflosigkeit. Es gab Zeiten, da trank ich ziemlich viel. Ich hatte dann am Morgen Entzugserscheinungen – und ich brauchte den nächsten Schluck. Damals wohnte ich im Haus Langhans, ein Heim für nicht mehr therapierbare Trinker. Man durfte dort trinken und in der ersten Zeit machte ich es auch. Jedoch trank ich alle unter den Tisch. Es kam vor, dass ich am nächsten Morgen es kaum mehr aushielt – so schlimm waren die Entzugserscheinungen. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann geht es mir gar nicht so gut. Hier in der Therapeutischen Wohngemeinschaft war ich auch schon öfters rückfällig – aber ich habe die Kurve immer bekommen. Jetzt bin ich schon länger trocken – und ich habe kein Bedürfnis zu trinken. Und andere Drogen? Das Problem ist, dass sich mein Medikament mit Heroin nicht verträgt. Beim Konsum von Leponex (Neuroleptikum) und Heroin kann es zu Atemlähmung kommen. Deshalb ist Heroin kein Thema für mich mehr. Dann gibt es da noch Marihuana – aber auch hier habe ich Angst, dass die Psychose wieder auftritt. Und wenn ich trinken würde, dann wären die Stimmen sehr schnell wieder da. Im Grunde bin ich heilfroh, dass ich nun in einer nüchternen Einrichtung wohne und den Absprung von Haus Langhans geschafft habe. Es war gar nicht so einfach, meine Betreuer davon zu überzeugen, dass ich in eine trockene TWG möchte. Ich trank vier Monate im Haus Langhans keinen Schluck Alkohol. Das war einerseits nicht ganz einfach. Ich musste mich total isolieren – um nicht doch Durst zu bekommen. Es dauerte in der TWG eine ganze Menge Zeit, bis ich wieder auf Menschen zugehen konnte. Wichtig ist nur, dass ich mich im Moment gut fühle, keine Substanzen konsumiere und mit meinem Leben klarkomme. M.H.

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Kontemplation und Handauflegen von Manfred Johannes Reher


Zurück zu den Wurzeln christlicher Mystik: Ein spiritueller Weg von Kontemplation und Handauflegen unterstützt die Selbstheilung und ebnet den Pfad zu innerer Stille.
KontemplationIn allen Weltreligionen gibt es neben den nach außen gerichteten Wegen auch nach innen gerichtete mystische Wege. Dabei ist mit Mystik gemeint: die Erfahrung des Göttlichen im Menschen suchend. Im Buddhismus findet man Zen oder Vipassana, im Hinduismus werden Yoga und Meditation gepflegt. Auch Tantra, das die Verbindung zwischen Spiritualität und Sexualität lehrt, gehört hierzu. Im Islam kennen wir die Wege des Sufismus, im Judentum gibt es Kabbalah und Chassidismus, im Christentum ist es die Kontemplation, die als Weg nach innen gelehrt wird.
Kontemplation, das ist Sitzen in der Stille oder liebendes Aufmerken, wie Johannes vom Kreuz es genannt hat. Vom Wort her heißt es: betrachten. Der Segen der Kontemplation ist die erfüllende Stille, die in unserer so hektischen Zeit wie ein Balsam für unsere Seele wirken kann.
Diesen traditionsreichen mystischen Weg praktizierten bereits die Wüstenväter. Die Blüte dieses christlich-mystischen Weges wurde im Mittelalter von Frauen wie Hildegard von Bingen, Theresa von Avila, Mechthild von Magdeburg und Männern wie Meister Eckhart, Johannes vom Kreuz, Johannes Tauler gelehrt.

Kontemplation und Meditation

Theresa von Avila unterschied unter anderem zwischen Gebet, Meditation und Kontemplation. Gebet ist die mündliche Zwiesprache mit Gott. Bei der Meditation wird die Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand gelenkt, beispielsweise auf ein Bild, auf einen Text oder auf eine Musik. Kontemplation ist die gegenstandsfreie Form der Meditation. Heute ist es vor allem das Verdienst des Benediktinerpaters und Zen-Meisters Willigis Jäger, diesen in Vergessenheit geratenen Weg der Kontemplation in Erinnerung gerufen zu haben.
In der Kontemplation üben wir, uns ausschließlich auf den Atem zu konzentrieren. Oder wir verbinden den Atem beim Ein- und Ausatmen mit einem Wort, zum Beispiel Shalom (Frieden). Einatmen: Sha, Ausatmen: - lom.

Eigene Erfahrungen

Nachdem ich in den Jahren von 1981 bis 1998 Meditation und Kontemplation als meinen Weg erfahren durfte, erkrankte ich 1998 an Krebs. Für mich war beim Nennen der Diagnose sofort der Gedanke da: Das ist eine Chance zu einem neuen Leben. Monate zuvor wurde mir die erste tiefe und lang anhaltende Einheitserfahrung in der Kontemplation während einer Schweigewoche geschenkt. Im Nachhinein betrachtet war das für mich der Zugang zu meiner Intuition, die hier freigelegt wurde. Ich sehe es in erster Linie als Gnade und Geschenk und sehe zugleich meinen Beitrag dazu, durch meine langjährige Disziplin (das tägliche Üben, durch das ich mich geöffnet und gereinigt habe) und durch psychotherapeutische Unterstützung in der Zeit meiner "dunklen Nacht der Seele" (wie Johannes vom Kreuz es nennt), einer tiefen spirituellen Krise.
Ausgelöst durch meine Krebserfahrung, suchte ich nach einer Entspannungsmethode, um aktiv etwas für meine Gesundwerdung zu tun. So lernte ich unter anderem Reiki kennen, verband es mit einer innerlichen Übung der Kontemplation und entdeckte dabei einen Schatz, der mich seitdem täglich begleitet. Durch das Auflegen der Hände bei mir selbst als meine tägliche spirituelle Übung fühlte ich mehr und mehr: "Alles ist in mir." So entdeckte ich meinen neuen spirituellen Weg: Kontemplation und Handauflegen.

Zugang zur Intuition

Im selben Jahr lernte ich auf der Tagung der Würzburger Schule der Kontemplation mehrere Menschen kennen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und wir alle nannten diesen Weg Handauflegen. Im Unterschied zum Reiki verbinden wir das Handauflegen mit Kontemplation und sprechen vor der Übung ein Gebet. Für mich war das Heilsame, dass ich durch die Übung der Kontemplation einen Zugang zu meiner Intuition erfahren habe. Ich fühlte zu lebenswichtigen Entscheidungen, wie der Frage, ob ich nach meiner Operation noch eine Strahlentherapie brauchte, mit innerer Gewissheit und Klarheit die Antwort. Aus der Tiefe meines Herzens tauchte ein Satz auf: "Jetzt ist alles gut und heil". Seitdem wurde das Handauflegen zu meiner alternativen "Strahlentherapie". Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Entscheidungen immer nur der innere Arzt und Heiler in uns treffen kann. Das kann uns niemand von außen abnehmen. 
Zum Thema Handauflegen habe ich mich schon als Kind gefragt: Wo sind die Christen, die das tun, was im Evangelium an vielen Stellen erwähnt wird (siehe zum Beispiel Markus, 16,18, "und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden", Apostelgesch. 28,8, "dann legte er ihm die Hände auf und heilte ihn")? Das Wunderbare an diesem Weg ist, dass ganz entspannt im Liegen geübt werden kann.
Dadurch, dass der Kopf auf der Erde liegt, fällt es leichter, die Gedanken loszulassen - eine der größten Herausforderungen auf jedem spirituellen Weg. M.R.

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Was kommt nach der Therapie? Ein Interview der tabu-zeitung einem ehemaligen Bewohner der TWG (möchte namentlich nicht genannt werden)

TZ: Sie sind seit einiger Zeit aus der Therapeutischen Wohngemeinschaft (TWG). Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie in der Zeit danach am meisten zu tun?

ED: In der Wohnung ankommen, sich selbst motivieren. Freizeit besser nutzen.

TZ:Gab es Menschen oder Institutionen an denen Sie sich mit Ihren Schwierigkeiten wenden konnten?

ED: Ja. BEW Lichtenberg, Ärzte (Psychotherapeut, Neurologe), meine Arbeitskollegen und Selbsthilfegruppe bei Albatros e.V., sowie ein Paar Kumpels.

TZ: Was hat sich für Sie seit Ihrem Auszug verändert?

ED: Ich habe erfolgreich meine Verhaltenstherapie abgeschlossen. Ich habe seit 2 Jahren einen festen Arbeitsplatz bei Albatros e.V. . Ich habe mich von VAL e.V. (Selbsthilfegruppe) getrennt.

TZ: Was hat Ihnen für "die Zeit danach" am meisten geholfen in der Therapie?

ED: Räumlicher und zeitlicher Abstand vom Alkohol.

TZ: Vervollständigen Sie bitte diesen Satz „die TWG ist …

ED: ….eine Möglichkeit für sich eine saubere Umgebung zu schaffen. In wieweit man die nutzt, hängt von jedem einzelnen ab. Wer erwartet dass dort ein Schalter umgelegt wird und man auf ewig „clean“ bleibt, ist hier fehl an Platz. Alkohol einfach wegzulassen und am Verhalten nichts zu verändern nützt relativ wenig. Viel mehr muss man sich damit beschäftigen was der Auslöser für das Suchtverhalten ist. Die aus der Welt zu schaffen und parallel ein neues, sauberes Umfeld aufzubauen hilft auch langfristig trocken zu bleiben.

TZ: . . . wir danken Ihnen herzlich für Ihre Offenheit und wünschen Ihnen weiterhin alles Gute!

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