TWG oder wat ?! - Kolumne

Was Sie schon immer mal loswerden wollten mit Blick auf die soziale Landschaft und der Auswüchse in den Einrichtungen Berlins.

Aktuell liegen weitere interessante Beiträge vor, die noch korrigiert und hier auch demnächst veröffentlicht werden. Wenn auch Sie Interesse haben an einer Veröffentlichung ihrer Geschichte aus dem Leben in einer therapeutischen Wohngemeinschaft (wenn gewünscht auch unter Pseudonym), dann trauen Sie sich und schreiben uns hier.

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DETLEF FLISTER - E s  i s t  n ic h t  h o f f n u n g s l o s

Wie ich als trockener Alkoholiker wieder ins Leben finde
 

Lange habe ich überlegt, wie ich dieses Thema behandeln kann und habe schnell bemerkt, dass – gerade wegen meiner Befangenheit und der eigenen Erfahrungen – mir das Thema schwerer fällt als gedacht. Die erste Version, die ich erstellt habe, habe ich schnell aufgegeben: zu allgemein und zu lang. Die Therapeuten interviewen hat nicht geklappt. Vielleicht kann ich noch ein Interview nachreichen? Mal sehen!

Ich habe beschlossen, über die Fragen zu stellen, die ich mir von Antritt gestellt habe und zu hinterfragen, ob ich Antworten gefunden habe. Dabei werde ich, wenn notwendig, auch die Therapieinhalte ansprechen. Es gibt also Informationen über das Innenleben eines Süchtigen und Therapieinformationen eines Menschen, der sie durchgemacht hat.

Nun zu den Fragen:

1.Warum habe ich getrunken? Als ich in die Therapie ging, war ich bereits einige Monate abstinent und habe mir diese wichtige, existenzielle Frage gestellt. Mein Leben lag in Trümmern. Ich habe nur noch getrunken und geschlafen. Im Gespräch mit meinen Therapeuten und in den Gruppen habe ich dies herausgefunden. Der Hauptgrund waren die Konflikte mit dem Mitbewohnern und die Tatsache, dass Gespräche mit den Mitbewohnern und der GSW nicht wirkliche Lösungen der Probleme brachten. Draußen war auch niemand da, der mit mir die Probleme aufarbeiten konnte und ich war ohnmächtig, hilflos und depressiv wegen des Abwärtstrend in meinem Leben. Mit sechzehn bot mir Vater Alkohol an mit der Begründung jetzt dürfe ich trinken., so ging es – wenn auch noch kontrolliert – los. Wenn ich drei Bier trinken wollte, wurden es auch drei. Dann wurde es eine Sucht. Der Grund war, dass ich den ganzen Kummer vergessen wollte und daher den Rausch gezielt suchte. Dann zog auch noch Dieter Bär ein, der mir meistens den Alkohol bezahlte, was die Entwicklung noch zusätzlich begünstigte. In der Therapie gelang es mir nun die Abstinenz zu stärken und auch mich zu stabilisieren. Die qualitativ gute Arbeit der Therapeuten und die Erfahrung der Mitbewohner halfen mir dabei. Dies gehört auch zum Teil des Klinikkonzeptes und hat bei mir – auch durch ein gutes Verhältnis zu den meisten Gruppenmitgliedern – zum Erfolg geführt.

2.Wozu bin ich überhaupt noch fähig? Ich merkte schnell, dass der Körper unter meinen Alkoholeskapaden gelitten hatte. Meine Füße sind, wie meine Knie, entzündet. Vor der Therapie war ich, weil ich nicht mehr laufen konnte, drei Wochen im Krankenhaus. Auch die gesundheitlichen Probleme führten dazu, dass ich schnell mit dem Trinken aufhören wollte, was mir schon vier Monate vor der Therapie gelang. Ich bemerkte sehr schnell, dass ich wenig Elan hatte und mir wenig gelang und auch meine Merkfähigkeit gelitten hatte. Untersuchungen und Tests zeigten, dass eine Störung im Arbeitsplanungsgedächtnis vorlag. Arbeitsbläufe müssen von mir als Routine zügig hintereinander bewältigt werden. Unterbreche ich einen Arbeitsvorgang, kommt es zu Störungen, in der Form dass ich bestimmte Arbeitsvorgänge wiederhole oder vergesse. Beim Putzen vergesse ich nach Unterbrechung zu Beispiel das Waschbecken zu putzen oder ich mache die Toilette nicht, wenn ich die Routine unterbreche. Auch hat sich herausgestellt, dass ich schwere Konzentrationsstörungen habe. Alles zusammen führt zur Arbeitsunfähigkeit. Ich kann nicht mehr als drei Stunden arbeiten und auch das geht schon recht mühsam und teilweise fehlerhaft. Mit Unterstützung des Personals lernte ich das Aufbauen von Arbeitsroutinen bei täglich zu erledigenden Arbeiten (z.B. Putzen). Ich lernte meine Einschränkungen zu akzeptieren und damit zu leben und mich selbst trotzdem zu mögen. In der Sporttherapie schöpfte ich Selbstbewusstsein, weil ich fast alles mitmachen konnte. Manchmal musste ich zwar aufgrund meiner Entzündungen aussetzen, aber ich gewann Freude an Bewegung. Ich begann mit der Wiederaufbau meiner Hobbys: Ich schrieb wieder Kurzgeschichten und malte mit Aquarellfarben und Bleistift. Dabei wurde ich von den Klinikmitarbeitern der Fontaneklinik gefördert und unterstützt. Auf meine Einschränkungen wurde Rücksicht genommen. Durch die Ausführung meiner Hobbys gelang es mir meine Freizeit zu füllen, die früher durch Arbeit bestimmt war. Das stärkte meine Psyche.

3. Habe ich überhaupt noch eine Zukunft? In der Therapie habe ich gelernt meine Probleme selbstbewusst anzusprechen und notfalls auch Hilfe anzufordern. Früher wollte ich stark sein und hatte nicht den Mut, zu sagen, dass ich vieles nicht allein bewältige. Mitterweile bin ich der Meinung, dass es viel mutiger ist zuzugeben, dass man Hilfe braucht. Des weiteren habe ich gelernt meinen Tag zu strukturieren und zu gestalten, auch wenn ich nicht mehr arbeiten kann. Es gibt zwar noch Probleme, aber die gehe ich in Zusammenarbeit mit meinen Mitbewohnern und Therapeuten an und versuche sie zu lösen. Ich muss lernen zu akzeptieren, dass ich nicht perfekt bin und mir nicht immer alles gelingt. Manchmal verlange ich noch zu viel von mir. Aber: Zeitweise wollte ich nicht mehr leben und mich mittels Alkohol zerstören, was jetzt nicht mehr der Fall ist. Ich habe gelernt, mich selbst zu akzeptieren, was Grundlage für neuen Lebensmut geschaffen hat.


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