Therapeutische Wohngemeinschaften (TWG) 

Tempelhof-Schöneberg

Stiftung Synanon

Synanon - von der Lebensgemeinschaft als Lebensschule auf Zeit.
Als ich vor ein paar Tagen wegen der Recherche zu Synanon ging, erinnerte ich mich daran, wie es vor sechzehn Jahren war, als ich dort total betrunken und bekifft um Aufnahme bat. Für mich war es ein Abenteuer. Nach Hause konnte ich nicht mehr, weil ich mit dem Konsumieren von Drogen und Alkohol aufhören wollte.

Die Aufnahme läuft immer noch so wie damals. Wenn jemand zu Synanon will, dann braucht man keine Kostenübernahme oder anderweitige Papiere. Im Hausbüro steht eine hölzerne Bank, wo man dann wartet, bis jemand mit einem spricht. Früher wurde einem bei dem Aufnahmegespräch "der Kopf gewaschen". Heute ist man freundlich, damit der Hilfesuchende nicht gleich wieder abhaut. Wenn der Delinquent Ja zur Aufnahme sagt, dann werden ihm Kleidung, Geld und Zigaretten weggenommen. Nachdem er beim Duschen war, kann er, je nachdem wie groß der Entzug wird, ins Bett gehen. Während des Entzuges kümmert sich ein medizinisch geschulter Synanist um ihn.

Ein kalter Entzug kann sehr gefährlich werden. Wenn es gar nicht mehr anders geht, dann bringt man die Entziehenden ins Krankenhaus. Synanon arbeitet mit dem Jüdischen Krankenhaus und dem Klinikum Am Urban zusammen. Es können auch alleinerziehende Elternteile mit Kindern kommen. Synanon hat einen eigenen Kindergarten. Wenn der kalte Entzug vorbei ist, nach zwei bis drei Tagen, dann kommt man in die Haustruppe. Das versuchen sechshundert bis achthundert Leute pro Jahr. Sie kommen, bleiben ein paar Tage und dann gehen sie wieder auf die Piste. Es gibt aber genügend, die bleiben. Die Haustruppe sorgt für die Sauberkeit im Haus. Als "Neuer" wird man erst einmal kritisch beobachtet.

Um dem Alltag gut zu überstehen, gelten drei Regeln: keine Drogen oder Alkohol, keine anderen Bewusstseins veränderten Tabletten; keine Gewalt oder Gewaltandrohung; kein Nikotin. Daneben gibt es Unterregelungen. Das bedeutet zum Beispiel, dass man sich um freundliche Umgangsformen bemüht. Zu meiner Zeit hießen die Gruppentreffen noch Spiele, heute heißen sie Gruppengespräche. Das Thema der Gruppen ist Sucht und Nüchternheit. Es soll zwar nicht mehr so schlimm sein wie 1992, als ich bei Synanon war, aber während der Gruppengespräche wird der Frust abgelassen. Wenn man sich zum Beispiel über jemanden geärgert hat, dann steckt man einen Zettel mit dem Namen in eine Kiste und dann am Abend kann man das Problem lösen. Es geht bei den Gruppengesprächen um die Regelung des Zusammenlebens. Weiter hat sich geändert, dass die Gruppenleiter besser geschult sind - und das Gespräch nicht eskalieren lassen.

Nach einer Zeit in der Haustruppe wird entschieden, in welchen Zweckbetrieb man kommt. Diese sind Umzüge/Transporte, Clean up (Reinigung, Gartenbau und -pflege), Entsorgung/Entrümpelung, Bauhilfe, Malerei/Lackiererei, Tischlerei, Wäscherei, Catering und Reitschule. Arbeit ist ein wichtiges Element in der Suchtkrankenhilfe. Die ersten Monate, in denen man noch im Blaumann herumläuft, sind ziemlich hart. Ungefähr vierzehn Stunden ist man am Tischedecken, Abwaschen und Putzen. Ins Bett kann man erst um zehn Uhr abends. Nach zwei Monaten darf man in der Freizeit zwar nicht seine eigene, aber von Synanon gestellte Kleidung anziehen. Nach drei Monaten (zu meiner Zeit war es noch ein halbes Jahr) darf der Kontakt nach außen wieder aufgenommen werden. Je länger jemand da bleibt, desto länger wird die Leine. Nach einem halben Jahr bekommt man seine Sachen zurück und es gibt ein bisschen Taschengeld. Das ist nicht besonders hoch, erhöht sich aber, je länger man bleibt.

In den Zweckbetrieben können der Schulabschluss nachgeholt und eine Ausbildung gemacht werden. Wer will, kann auch den Führerschein machen. Das setzt aber auch voraus, dass derjenige zwei bis drei Jahre bei Synanon bleibt. Neu ist auch, dass man schon nach anderthalb Jahren raus kann. Dann hilft Synanon bei der Wohnungssuche. Finanziert wird Synanon durch die "Stiftung Synanon"; dazu kommen Senatsmittel.

Mein Eindruck von Synanon ist gespalten. Damals, als ich anklopfte, war es ein Abenteuer. Ich bin acht Monate dort geblieben, dann beendete ich diese Zeit. Mir waren die "Spiele" ein Dorn im Auge; ich wollte besser eine richtige Therapie machen. Was ich dann auch getan habe. "Synanon ist eine scharfe Sache!" sagte mal ein Synanist, dessen Namen ich nicht mehr kenne. Ich stimme dem zu.
Martin Hagel

INFO: Synanon Berlin
Bernburger Straße 10
10963 Berlin
Tel. 030 55000-555

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