Zeitungsartikel (vollständig)

Artikel Martin Hagel - Existenssicherung und Integration


tabu-zeitung im Interview

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Albatros e.V.

Zuverdienst für psychisch Kranke und Suchtabhängige

Albatros ist ein Arbeits- und Beschäftigungsprojekt für psychisch beeinträchtigte Menschen, die einen handwerklichen Beruf erlernt haben und einen Zugang zum Arbeitsleben suchen. Dazu gehören auch Klienten, die eine Suchterkrankung haben. Das Projekt wird vom gemeinnützigen Verein Albatros e.V. im Verbund mit Pegasus GmbH getragen, deren Mitarbeiter für Qualität und fachliche Standards garantieren. Der Verein in der Gundelfinger Straße in Berlin-Lichtenberg wurde 1997 gegründet. Das Haus wurde von ganz wenigen Leuten umgebaut. Nach und nach entwickelte sich das Projekt zur heutigen Größe. Die Idee dahinter war, Menschen mit psychischer Krankheit oder Suchtkrankheit eine Beschäftigung zu geben. Es waren am Anfang nur kaum Leute da, die helfen konnten. Zuerst war es schwer, Aufträge zu bekommen. Die einzelnen Bereiche heute sind das Ergebnis jahrelanger Bemühungen, zum Beispiel auch mit den Wohnungsbaugesellschaften in Kooperation zu treten.

Es gibt folgende Möglichkeiten, bei Albatros zu arbeiten. Da ist zuerst mal der Gastronomieservice in der Gundelfinger Straße. Dort können die Klienten unter Anleitung gastronomieerfahrener Fachkräfte beschäftigt werden. Die Wirtschaft bietet Tagesangebote in gemütlicher Atmosphäre an. Für die Mitarbeiter gibt es ermäßigte Preise. Des Weiteren gibt es einen Reinigungsservice. Das betrifft die Aufgangs-, Glas-, Wohnungs- und Gebäudereinigung. Garten- und Grünflächenreinigung werden ebenfalls angeboten. Auch Büroreinigung und Baureinigung (zum Beispiel nach Renovierung) werden gemacht. Ein anderes Projekt ist das Concierge- und Facilitymanagement. Das betrifft zuerst einmal den Empfangs- und Informationsservice im Objekt des Auftraggebers. Zu den weiteren Aufgaben gehören: Erledigung kleiner Servicearbeiten, Kontrollgänge in und außerhalb des Hauses, Störungsmeldungen, Umgang mit Videoanlagen, Zusammenarbeit mit Ersatzdiensten und der Polizei, Entgegennahme von Mieteranfragen sowie deren Weitergabe und Bearbeitung.

Es gibt dann noch eine Fahrradwerkstatt, wo Fahrräder wieder hergestellt und gewartet werden. Als weiteres Beschäftigungsangebot gibt es die Wäscherei. Dort wird zum Beispiel die Wäsche von der Wirtschaft in der Gundelfinger Straße gewaschen. – Ein anderer großer Bereich sind die Renovierungs- und Malerarbeiten sowie Tischlerarbeiten. Das betrifft die komplette Renovierung ohne Zeitdruck, inklusive Kundenberatung, Transportleistungen, Materialeinkauf, Beseitigung von Bauabfällen und Endreinigung. Dazu gehört auch die Fußbodensanierung (Dielen/Laminat), die Reparatur/Aufarbeitung von Fenstern, Türen und Schließanlagen.

Zuletzt gibt es noch einen Bootsverleih. Der ist am Fennpfuhl gelegen, von Mai bis September geöffnet und kann täglich von 14:00 bis 19:00 Uhr genutzt werden. – Die ausgeführten Arbeiten, zum Beispiel im Bereich der Malerarbeiten, sind qualitativ gut. Allerdings dauert es etwas länger als bei kommerziellen Malerfirmen. Für die Arbeit bekommen die Klienten 1,53 Euro/Stunde. Das ist kein Verdienst, sondern eine Aufwandsentschädigung.

Für MAE-Kräfte bietet Albatros gesonderte Projekte an. Diese haben mit dem Zuverdienst nichts zu tun. Es ist auch möglich, bei Albatros „Arbeit statt Strafe“ zu machen. Allerdings gibt es eine Begrenzung: Höchstens fünf Personen dürfen bei Albatros gleichzeitig tätig sein. Im Zuverdienstbereich sind im Moment 87 Leute beschäftigt. Es gibt drei fest angestellte Mitarbeiter, die vom Bezirksamt bezahlt werden. Der Zuverdienst ist nur ein Bereich von Albatros. Es gibt außerdem eine Tagesstätte und eine Kontakt- und Beratungsstelle. Das Ziel der Zuverdienstjobs besteht darin, den Klienten den Weg in den ersten Arbeitsmarkt zu erleichtern. Das ist natürlich sehr schwer, denn wer nimmt schon psychisch kranke Menschen, meist ohne Berufsausbildung an. Deshalb versuchen die Mitarbeiter von Albatros auch Weiterbildungsmaßnahmen für die Klienten beim JobCenter zu beantragen.

Albatros selbst versteht sich als Trainingsmöglichkeit. Es ist manchmal schwer, denn es gibt Klienten, die lange nicht mehr gearbeitet haben. Dann müssen sie auf einmal früh aufstehen und zur Arbeit kommen. Das klappt bei manchen sehr gut, bei anderen nicht. Ziel ist natürlich, die Leute wieder auf den ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten. Das Angebot von Albatros ist besonders für psychisch beeinträchtige Menschen, zumeist auch mit einer Suchtkrankheit im Hintergrund, sehr gut und wichtig. Das Geld, das man dort verdient, ist zwar nicht viel, aber es hilft. Die meisten Beschäftigten sind Hartz-IV-Empfänger; für sie ist der Zuverdienst eine gute Sache.
Martin Hagel

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Dringende Fragen zu Existenzsicherung und Integration

Zu Besuch beim Projekt "Gut zu Tun"

In Berlin gibt es rund zehntausend wohnungslose Menschen. Sie kommen ohne Hilfe in einen Teufelskreis: keine Arbeit, keine Wohnung - keine Wohnung, keine Arbeit. Das betrifft nicht nur obdachlose Menschen, sondern auch Menschen, die in einer Einrichtung leben, zum Beispiel im Betreuten Wohnen oder Betreuten Einzelwohnen. Schon während des Betreuten Wohnens können sich Interessenten an "Gut zu Tun" wenden.

Wenn Personen aus dem Betreuten Wohnen ausziehen, ist eine Arbeitsstelle sehr hilfreich. Die Arbeit ist dann ein wichtiger Punkt in der Wochenstruktur. Eine Arbeitsstelle auf dem ersten Arbeitsmarkt ist für diese Personen ohne Unterstützung nur schwer zu finden. Hier setzt das Projekt "Gut zu Tun" an. Diese Einrichtung gibt es seit Mai 2008. Zur Klientel des Projekts zählen vor allem Personen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten, die eine Arbeit suchen. Die JobCenter, deren eigentliche Aufgabe das wäre, halten sich dabei zurück. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Menschen, die wohnungslos (nicht unbedingt obdachlos) sind, durchaus arbeiten können - und das auch zur Zufriedenheit der Arbeitgeber.

Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, innerhalb von drei Jahren fünfhundert Klienten in Arbeit, Beschäftigung oder Qualifizierung zu bringen. Nach meinem Wissen gibt es in Berlin keinen Verein, der sich in vergleichbarer Weise um die Vermittlung von Arbeit, für wohnungslose Menschen kümmert. Deshalb arbeitet "Gut zu Tun" auch mit anderen einschlägigen Einrichtungen zusammen. Eine Aufgabe des Projektes ist die Akquirierung von Arbeitsplätzen. Hier geht es darum, einen Pool zu schaffen, in dem  zwischen Beschäftigungsstellen und potenziellen Maßnahmeteilnehmern vermittelt werden kann. Es ist das erklärte Ziel, Langzeitarbeitslose wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Das betrifft Voll- und Teilzeitangebote. Es geht auch darum, geeignete Fördermaßnahmen für die Beschäftigung zu finden, etwa durch das Programm des Öffentlichen Beschäftigungssektors (ÖBS). Durch die Förderinstrumente der JobCenter sind Zuschüsse bis zu 75 Prozent des Gehalts möglich. Die Arbeitsstellen sind zum Beispiel in den Bereichen Gebäudereinigung, Handwerk, Umzug, Betreuung und Verwaltung zu finden.

Bisher konnten in den oben genannten Bereichen fünfzig Arbeitsstellen vermittelt werden. Ein spezielles Angebot richtet sich an die Personen unter fünfundzwanzig Jahren. Um festzustellen, in welchen Bereich sie arbeiten wollen, vermittelt "Gut zu Tun" Praktikumsplätze und/oder MAE-Stellen. In zwischen gewinnt das Projekt immer mehr Unternehmen für die Zusammenarbeit. Das bedeutet, dass nicht nur MAE-Stellen vom JobCenter vermittelt werden, sondern auch Stellen auf dem ersten Arbeitsmarkt zur Verfügung gestellt werden können.

Zur Zeit betreuen die Sozialarbeiter ungefähr zweihundert Menschen. Beschäftigungsangebote für MAE-Stellen haben sich zum Beispiel in kirchlichen Einrichtungen, im Gartenbereich, in Küchen und bei der Betreuung von Kindern erschließen lassen. - Ohne Qualifizierung und Coaching der Klienten geht es natürlich nicht. Daher beraten die Sozialarbeiter die Personen individuell. Es wird festgestellt, welche Kompetenzen der zu Vermittelnde hat. Danach kann dann gezielt geschaut werden, in welchen Bereich der Klient arbeiten kann.

Bei der Arbeitssuche treten häufig Schwierigkeiten auf. Das betrifft zum Beispiel das Erstellen von Bewerbungsunterlagen und die Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch. Um diesen Schwierigkeiten zu begegnen, werden die sogenannten Joblotsen aktiv. Diese können für eine weiter greifende Betreuung der Klienten sorgen. Joblotsen arbeiten ehrenamtlich. Ihre Aufgabe ist die Hilfe bei der Erstellung der Bewerbungsunterlagen und der Vorbereitung auf die Vorstellungsgespräche. Außerdem unterstützen sie die Personen bei den Behördengängen. Sie nehmen sich Zeit für die Probleme des Klienten und begleiteten sie durch die Mühen der Arbeitssuche. Um die Erfahrungen und Probleme zu reflektieren, wird die Betreuung auch während des Arbeitsverhältnisses beibehalten. Wenn notwendig, kann der Joblotse dann bei Schwierigkeiten zwischen Arbeitgeber, Klient und Sozialarbeiter vermitteln.

Das Projekt finanziert sich unter anderem durch eine Spende der Berliner Immobilienfirma ESTAVIS AG. Eine weitere Unterstützung kommt vom Europäischen Sozialfonds. Außerdem muss hervorgehoben werden, dass die Arbeit der ehrenamtlichen Mitarbeiter unverzichtbar ist. - Gerade für wohnungslose Menschen ist dies ein wichtiges Projekt. Eine Arbeitsstelle sorgt auch dafür, dass die Menschen wieder ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnen.
Martin Hagel

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tabu-zeitung im Interview

mit Manuela S., seit über 10 Jahren bei USE gGmbH beschäftigt

tz:
Frau S. können sie sich noch erinnern, wie es für Sie als Behinderte mit der Arbeit bei USE angefangen hat? 

Manuela S.:
"Ich hatte ja vorher bereits wegen Alkohol viele Probleme, keine Arbeit, meine Tochter wurde mir vom Jugendamt weggenommen und meine eigene Familie war nicht da. Damals ging ich noch regelmäßig in die Tagesstätte, aber richtig zufrieden war ich damit nicht. Es war nichts halbes und nichts ganzes. Wir wurden beschäftigt, aber wie Arbeit war das nicht. Meine Betreuerin hat mir schließlich einen Platz in einer Behindertenwerkstatt organisiert. Mein Leben hat sich damit schlagartig geändert. Um als Küchenhilfe zu arbeiten, musste ich morgens um 4:30 Uhr aufstehen, damit um 7:00 da zu sein. Wenn ich um 14:00 wieder zuhause war, dampften mir die Füße und ich war völlig erledigt. Da hab ich mich schon oft gefragt, ob ich das alles schaffe. Doch ich hatte auch viel Unterstützung vom Küchenchef und von der Sozialarbeiterin vor Ort. Das Gefühl gebraucht zu werden tat gut und ich kam in Kontakt mit vielen Leuten. Mein Problem mit dem Alkohol war dadurch noch nicht gelöst, aber ich hatte wieder etwas mehr Stabilität. Die Decke ist mir nicht mehr so oft auf den Kopf gefallen und ich hatte zunehmend etwas worauf ich mich freuen konnte, wenn zuhause alles düster war. Geld bekam ich übrigens erst nach 2 Jahren, sozusagen nach der Probezeit. Aber darauf kam es mir anfangs gar nicht an. Mittlerweile bin ich auch seit drei Jahren trocken und in einer TWG untergebracht. Wenn ich zurückblicke hat mir die Arbeit oft geholfen meinen Alltag neu zu entdecken. Jetzt ist mir beides wichtig geworden, mein Alltag und meine Arbeit. Das bedeutet für mich auch, dass ich anfange meine Freizeit selbstständig zu gestalten und neue, trockene Kontakte zu finden. Das ist schwer. Auf der Arbeit ist mir dies nicht gelungen, da dort viele nach der Arbeit trinken. Und nach der Arbeit habe ich oft auch keine Lust noch irgendwo hinzugehen, zumal ich ja auch in der TWG meine Leute habe . . . "

tz: 
" Manuela S. Danke für Ihre Offenheit und weiterhin viel Glück"

Das Interview wurde geführt von Andreas Peters am 5.05.2010

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